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Lotse an Board

  • Ein Lotsenboot bringt die Losten zu ihrem Einsatz oder holt Sie danach von den Schiffen ab.
  • Udo Huchel ist seit 25 Jahre bei der Kieler Lotsenbrüderschaft. In dieser Schicht behält er als wachhabender Lotse den Überblick über die Schiffe und koordiniert die Einsätze seiner Kollegen.

    Auf der Lotsenstation

54° 29′ 58,6″ nördliche Breite, 10° 16′ 25,3″ östliche Länge: Stolz steht der Leuchtturm in der Kieler Förde. Als einziger in Deutschland beherbergt er auch eine Lotsenstation. Vom Wachraum im ersten Stock geht der Blick in die Weite. Hinaus auf die Ostsee. Am Horizont ist noch kein Schiff zu erkennen. Seelotse Thomas Schmidt wartet auf seinen nächsten Einsatz. Nutzt die Zeit für einen Plausch mit Kollege Udo Huchel. Der hat gerade Dienst als Lotsenwachleiter. „Ich halte Kontakt mit den Schiffen, gebe Schiffsanmeldungen an die Kollegen in der Kieler Schleuse weiter und teile ein, welcher Kollege welches Schiff übernimmt“, erklärt er seine Aufgabe. Jeder der 160 Kieler Lotsen sitzt mal auf diesem Stuhl. Gemeinsam betreuen sie als Lotsenbrüderschaft NOK II die Bezirke Kiel, Lübeck, Flensburg und die östliche Hälfte des Nord-Ostsee-Kanals (NOK). 45.248 Schiffe haben sie allein 2018 begleitet und beraten.
Dafür ist die Lotsenstation rund um die Uhr besetzt. Seit 1967 warten die Lotsen hier auf die einfahrenden Schiffe. „Wir arbeiten immer, auch an Weihnachten, Silvester und Ostern, und meistens auch einen Tag am Wochenende“, erklärt Schmidt. Wie seine Kollegen ist der gebürtige Thüringer früher zur See gefahren. War weltweit und zuletzt auf einer der Ostseefähren unterwegs. Mindestens zwei Jahre Erfahrung als Kapitän oder 1. Offizier sind Voraussetzung, um überhaupt Lotse werden zu können. Der Weg dahin ist lang. Ausbildung, Studium, Offizierslaufbahn bis zum Kapitänspatent. Lotsenanwärter investieren acht weitere Monate. Vier Monate Theorie. Vier Monate Praxis, um alle Besonderheiten der vier Bezirke kennen zu lernen. „Als Lotse bringen wir unser Wissen über Fahrrinnen, Strömungen und Untiefen ein, der Kapitän seine Erfahrung mit dem jeweiligen Schiff“, beschreibt Schmidt das Zusammenspiel an Bord. Millimeterarbeit mit Finger­spitzen­ge­fühl, wenn es darum geht, die großen Schiffe in die Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals zu navigieren. „Von Weitem sieht die für die Kapitäne eher wie ein Nadelöhr aus“, lacht Schmidt.

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Seelotse Thomas Schmidt wartet auf dem Kieler Leuchtturm auf seinen nächsten Einsatz.
 

3 Seemeilen vor Kiel

Seit morgens kurz nach halb fünf ist er im Dienst. Hat erst einen Frachter in das Dock 6 der Werft ThyssenKrupp Marine Systems navigiert. Später ein Schiff an der Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals übernommen und aus der Kieler Förde begleitet. „Seit elfeinhalb Jahren bin ich jetzt hier Lotse. In der Werft war ich tatsächlich aber auch noch nicht. Das Schiff hatte Teile für den Bau eines U-Bootes geladen“, erzählt er. Nun soll er noch einen Frachter bis zur Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals bringen. Geplanter Einsatzbeginn 12:30 Uhr. Eigentlich wäre Schmidts Acht-Stunden-Schicht kurz danach vorbei. „Entscheidend ist, welcher Lotse frei und am längsten im Dienst ist, wenn das Schiff die 3-Seemeilen-Grenze Richtung Kiel passiert“, erklärt Huchel, „dem Kollegen teile ich das Schiff dann zu und er führt den Auftrag dann auch zu Ende.“ Die Lotsen organisieren sich in einem rotierenden System. Wer seine Schicht beendet hat, stellt sich wie bei einem Taxistand wieder hinten in der Reihe an. Über eine App können die Lotsen sehen, wie viele Kollegen vor ihnen sind und wann wie viele Schiffe kommen. „Dann kann ich abschätzen, wann meine nächste Schicht ungefähr anfängt“, erklärt Schmidt. Die genaue Uhrzeit und seinen nächsten Auftrag erfährt er durch einen Anruf aus der Lotsenzentrale in der Kieler Schleuse. Die Kieler betreuen auch die Flensburger Förde. Überbrücken dafür die 100 Kilometer mit dem Auto. Die Trave bei Lübeck wird durch eine separate Lotsengruppe betreut.
  • Nicht ganz ungefährlich: Um an Bord des Frachters zu gelangen, muss der Lotse über eine Strickleiter mehrere Meter am Schiffsrumpf hochklettern.

    Lotse geht an Bord

Mit dem orangefarbenen Lotsenboot geht es zum jeweiligen Schiff. Der Übergang an Bord ist für die Lotsen nicht ganz ungefährlich. Oft müssen sie über Strickleitern ein paar Meter am Schiffsrumpf nach oben klettern. Vor allem bei starkem Seegang eine Herausforderung. „Auf dem Weg vom Einstieg zur Brücke bekomme ich einen ersten Eindruck vom Schiff“, erklärt Markus Böhm. Als 2. Ältermann ist er der 2. Vorsitzende der Brüderschaft. Wirkt alles gepflegt, ist meistens auch das Schiff gut in Schuss. Wenn nicht, muss er damit rechnen, dass es zu technischen Ausfällen kommen kann und das auch bei seinen Manöverangaben im Rahmen der Lotsen-Beratung berücksichtigen. „Dafür braucht man ausreichend eigene Erfahrung“, findet er. Das gilt auch für brenzlige Situationen. Der Lotse muss immer die Nerven behalten. Ruhe ausstrahlen, auch wenn es mal eng wird. Klare Anweisungen geben. Gerade gibt es Überlegungen, die Einstiegsvoraussetzungen für Lotsen zu ändern, um mehr Bewerber zu finden. Dann wäre ein Einstieg auch mit Kapitänspatent, aber ohne praktische Erfahrung, denkbar. Die Kieler haben keine Nachwuchssorgen. 30 Bewerber warten gerade auf ihre Chance. „Mit Blick auf die Schleusensituation müssen wir eher überlegen, wie viele Lotsen wir mit den durchfahrenden Schiffen gut ernähren können“, erklärt Böhm die Zusammenhänge.
Die Schleusenanlage zum Nord-Ostsee-Kanal ist in staatlicher Hand, eine Schleuse gerade außer Betrieb. Der Neubau dauert wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte. „Bei gutem Wetter fahren viele Schiffe dann doch lieber rund um Dänemark, statt Wartezeiten vor dem Kanal in Kauf zu nehmen. Das merken wir natürlich“, betont Böhm. Die Lotsen sind selbstständig, doch die Verbindungen zum Staat sind eng. Lotsen werden von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes nach einer mehrstündigen Prüfung zugelassen und erhalten dann die sogenannte Bestallung. Die Revierlotsverordnung regelt, wer Seelotsen an Bord nehmen muss. Für die Kieler Förde und den Nord-Ostsee-Kanal gilt dies für Tankschiffe und Seeschiffe, die mindestens 90 Meter lang oder 13 Meter breit sind oder einen Tiefgang von mindestens 8 Metern haben. Für ihre Beratung erheben die Lotsen Gebühren und finanzieren dadurch ihren Lebensunterhalt. „Alle Einnahmen fließen in einen Topf und alle Lotsen erhalten gleich viel Geld. Egal wie viele Dienste sie in dem Monat übernommen haben“, erzählt Böhm. Die Brüderschaft ist basisdemokratisch organisiert. Grundlegende Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Die beiden Ältermänner für fünf Jahre, die Geschäftsführer für drei Jahre gewählt.

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  • Mit dem Lotsenboot fährt Thomas Schmidt zum nächsten Einsatz.

    Lieber Lotse als Kapitän


Trotz der unregelmäßigen Arbeitszeiten ist Thomas Schmidt lieber Lotse als Kapitän. „Im Herzen sind wir alle immer noch echte Seeleute. Aber die Seefahrt hat sich verändert. Durch moderne Technik sitzt man als Kapitän auch nur noch am Computer, macht Papierkram“, beschreibt er. Heute werden immer weniger Menschen an Bord gebraucht. Oft stammen sie aus verschiedenen Nationen und ein wirklich persönlicher Kontakt untereinander ist durch die Sprachbarrieren kaum möglich. „Drei Monate auf See ohne Internet und Telefon sind dann ganz schön hart und zuhause dreht sich das Leben weiter“, erklärt Schmidt. Als Lotse ist das anders. Schmidt ist jeden Tag zuhause und kann seinen Beruf sogar mit seiner Aufgabe als alleinerziehender Vater vereinbaren. Mittlerweile ist das Frachtschiff vom Leuchtturm aus zu sehen. Durch den Stau vor der Kanalschleuse, hat es seine Fahrt jedoch gedrosselt. Ein Lotse wird erst später an Bord gehen. „Den Auftrag übernimmt dann der nächste Kollege“, entscheidet Udo Huchel und schickt Schmidt damit in den Feierabend. Mit dem Lotsenboot geht es zurück an Land.
  • Seit seiner Einweihung 1967 ist der Kieler Leuchtturm auch Lotsenwachstation.

    Die Lotsenherberge


Am 5. Juli 1967 wurde der Kieler Leuchtturm offiziell in Betrieb genommen. Zuvor warteten die Lotsen auf einem Feuerschiff auf ihre Einsätze. Die Lotsenstation im 33,5 Meter hohen Turm aus seewasserfestem Aluminium ist da deutlich komfortabler. Mit verschiedenen Aufenthaltsräumen und Schlafmöglichkeiten im Sockel aus Stahlbeton versprüht sie den Charme einer besonderen Jugendherberge. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Notstromversorgung und eine Seewasser-Entsalzungsanlage für frisches Trinkwasser sichern die Selbstversorgung im Notfall. Bei gutem Wetter wie heute wirkt der Kieler Leuchtturm wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Bei Sturm sieht das auch mal anders aus. Die Ausläufer des Hurrikans Katrina im Spätsommer 2005 waren so ein besonderes Ereignis. „Die Wellen schlugen so heftig gegen die Kaimauern, dass das Wasser bis an die Scheiben des Wachraums schoss “, erinnert sich Böhm, „das war alles andere als gemütlich.“
Der Kieler Leuchtturm ist auch Lotsenherberge mit Aufenthalts- und Schlafräumen.


Zwischen zwei Kreuzfahrten macht die Aida Luna Station im Kieler Hafen.


Ein Tag im Kreuzfahrthafen

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Text: Beatrix Richter
Quellenangabe Fotos: Beatrix Richter