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Die letzten Ihrer Zunft: Aus Liebe zum Handwerk

Unterschiedlicher könnten ihre Berufe kaum sein. Der eine baut Orgeln, der andere stellt Holzschuhe her. Und dennoch verbindet Stefan Linke und Lorenz Hamann so viel mehr, was der erste Blick nicht verrät. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen. Denn wer einmal in ihre Welt eintaucht, entdeckt nicht nur viele Parallelen, sondern Leidenschaft, Enthusiasmus und große Hingabe für Berufe, die schon bald der Vergangenheit angehören könnten. Zu Besuch bei zwei Männern, die ihr Handwerk verstehen und bewahren.

Ein Holzschuh geht um die Welt

Lorenz Hamann sitzt in seiner Werkstatt und feilt an einem Stück Holz. Er trägt ein kariertes Hemd, Lederschürze, ist umgeben von Werkzeugen und Wänden, vollbehangen mit Holzschuhen. Es duftet nach Rindsleder und Erle. Lorenz Hamann arbeitet gleichmäßig und unaufgeregt. Jeder Handgriff sitzt – seit mehr als 60 Jahren.

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Orgelbauer mit Leib und Seele

Mit Traditionen kennt sich Stefan Linke aus. Der Orgelbauer führt gemeinsam mit dem Intonateur Eberhard Hilse den Handwerksbetrieb Orgelbau Fleiter im westfälischen Münster. 1872 gegründet, ist das Unternehmen bis heute auf den Orgelbau spezialisiert.

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Ein Holzschuh geht um die Welt

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Lorenz Hamann sitzt in seiner Werkstatt und feilt an einem Stück Holz. Er trägt ein kariertes Hemd, Lederschürze, ist umgeben von Werkzeugen und Wänden, vollbehangen mit Holzschuhen. Es duftet nach Rindsleder und Erle. Lorenz Hamann arbeitet gleichmäßig und unaufgeregt. Jeder Handgriff sitzt – seit mehr als 60 Jahren. Schon sein Großvater und Urgroßvater waren Holschuhmacher. Genau genommen führt er das Geschäft in fünfter Generation. Hamann selbst ist inzwischen 78 Jahre alt und der letzte Holzschuhmachermeister in Deutschland. In seiner Werkstatt im schleswig-holsteinischen Preetz hält er die Tradition am Leben. Einst brachten die rund 300 Schuhmacher der Gemeinde Preetz den Titel Schusterstadt ein. Heute ist Lorenz Hamann der letzte Holzschuhmacher vor Ort – und gefragt wie selten zuvor.
Die Bestellungen für die „Klickerklacker-Schuhe“, wie der Preetzer seine handgefertigten Unikate liebevoll nennt, gehen aus aller Welt bei ihm ein. „Der Holzschuh ist wieder in“, sagt er und seine Augen leuchten. Nachdem sein Enkel sich um einen Online-Shop gekümmert hatte, kamen die Bestellungen sogar aus Kalifornien und Australien. „Das war uns zu viel“, erzählt der 78-Jährige. Denn der Nachwuchs im Holzschuhhandwerk fehlt. Deutschlandweit gibt es nur noch wenige Holzschuh-Werkstätten. Darum verschicken die Hamanns die Bestellungen jetzt nur noch innerhalb Europas.
Wer von weiter her kommt, muss schon selbst vorbeischauen. Und tatsächlich stehen Besucher aus Fernost regelmäßig in seinem Geschäft in der Wakendorfer Straße 17. Schließlich hat es der Handwerksbetrieb mit Raritäts-Faktor in zahlreiche Reiseführer geschafft. „Wir verständigen uns dann mit Händen und Füßen. Das geht schon“, berichtet Hamann und fügt lachend hinzu: „Gefunden hat bisher noch jeder etwas.“ Kein Wunder, bei rund 2000 Paaren, die er auf Lager hat. Darunter sind nicht nur die klassischen Holzschuh-Pantoffeln, sondern auch Galoschen, Clocks, Sandalen und Stiefel. In Naturoptik oder bunt, schlicht geformt oder mit Glitzersteinen besetzt: Für jeden ist etwas dabei.

Schutzengel-Tipp

Der Volksmund sagt: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Nicht nur für Lorenz Hamann ist es daher wichtig, gut abgesichert zu sein. Eine entsprechende Berufshaftpflicht- und Unfallversicherung schützt, falls im Arbeitsalltag doch einmal etwas schief geht.
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Bei Anruf Maßanfertigung


Drei Paar Holzschuhe fertigt Lorenz Hamann im Durchschnitt pro Tag und per Hand. Gut Ding will Weile haben. Soll’s mal etwas schneller gehen, greift er zur Unterstützung zur Maschine. „Dann schaffe ich etwa sechs Paar pro Stunde. Weil die Nachfrage inzwischen so groß ist, kann aber auch Hamann trotz allen Fleißes nicht jede der Bestellungen selbst erledigen. Daher kooperiert sein Fachbetrieb mit vertrauensvollen Partnern wie Euro-Dan und Woody. Wer jedoch einen originalen Hamann tragen möchte, der bestellt den „Preetzer Holzschuh“ am besten persönlich beim Chef. Neben Erlenholz verarbeitet der Meister am liebsten naturgegerbtes Leder, das er aus der Region bezieht. Das Leder wird aufgewärmt und über die Leisten gezogen. Seine Stammkundschaft ruft ihm auch mal auf der Straße zu: „Lorenz, ik bruk een Dörtiger“. Gemäß dem sogenannten Pariser Stich wird die Länge des Fußes in Zentimeter gemessen, durch zwei geteilt und dann mit drei multipliziert. Ein „Dörtiger“, ein „Dreißiger“, ist also Schuhgröße 45. Für Hamann selbstverständlich.

Auch Krisenzeiten gemeistert


Dabei sah sein Berufsweg zunächst ganz anders aus. Nach einer Ausbildung zum Dekorateur wollte Lorenz Hamann Bühnenbildner werden. Doch sein Vater holte ihn zurück in den Betrieb, der einst 1846 gegründet worden war. Die Arbeit rief, denn der Holzschuh erlebte als Arbeitsschuh einen Boom. Bis zu 200 Bestellungen pro Tag gingen damals ein, erinnert sich der Holzschuhmacher. Doch die Nachfrage nahm Anfang 1970 mit neuen Vorschriften für die Berufsbekleidung ein jähes Ende. „Wir mussten alle 20 Mitarbeiter entlassen“, erzählt Hamann. „Das war grausam.“ Auch er musste sich umorientieren, machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete viele Jahre bei der Sparkasse. Doch in seiner Freizeit blieb er dem Handwerk treu und kehrte 2000 schließlich ganz in die Werkstatt zurück. Eine Entscheidung, die er bis heute keinen Tag bereut. Auch deshalb nicht, weil sein 24-jähriger Enkel in den Startlöchern steht und die Familientradition fortführen möchte. Dann in sechster Generation.
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Orgelbauer mit Leib und Seele

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Mit Traditionen kennt sich Stefan Linke aus. Der Orgelbauer führt gemeinsam mit dem Intonateur Eberhard Hilse den Handwerksbetrieb Orgelbau Fleiter im westfälischen Münster. 1872 gegründet, ist das Unternehmen bis heute auf den Orgelbau spezialisiert. Wenngleich die Familie des Gründers Friedrich Fleiter nicht mehr involviert ist, so begegnet Stefan Linke, der 2016 als Teilhaber in den Betrieb eingestiegen ist, seinem Vorgänger immer wieder: Friedrich Fleiters Orgeln erklingen nach wie vor in vielen Kirchen. Rund 1200 Instrumente hat Orgelbau Fleiter in der langen Firmengeschichte gefertigt und in alle Welt geliefert, unter anderem nach Peru und Griechenland. Dieser Tage beschränkt sich das Geschäft eher auf den deutschsprachigen Raum. Während Lorenz Hamann locker eine Handvoll Holzschuhe am Tag fertigen kann, braucht es bei den Kunden von Stefan Linke und Eberhard Hilse etwas mehr Geduld.
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Bis zu ein Jahr Bauzeit

Je nach Art und Umfang kann die Bauzeit einer Orgel ein ganzes Jahr betragen. So zum Beispiel bei der Orgel für den St. Ludgerus Dom in Billerbeck. „Da war das Team mit alle Mann im Einsatz“, erzählt Linke und meint zwölf Mitarbeiter. 72 Register, verteilt auf vier Manualen und Pedal. Nicht nur die Größe des Instruments war eine riesige Herausforderung für das Team. Auch die Intonation, denn die sollte sich an symphonischen, französischen Orgeln des späten 19. Jahrhunderts orientieren. Für Linke ist diese Herausforderung Ansporn und Freude zugleich und er verrät schmunzelnd: „Ich kann zwar keine Orgel spielen, aber ich mache Ihnen den schönsten Klang.“

Der Klang ist die „wahre Kunst“

Die Orgel das einzige Instrument, das den gesamten Hörbereich des Menschen abdeckt. Und eines der ältesten dazu. „256 vor Christi wurde sie erstmals erwähnt“, berichtet Linke. Durch zusätzliche Materialien, Fertigungstechniken und Einzug der Elektronik hat sich der Orgelbau in mehr als 2000 Jahren Geschichte stetig weiterentwickelt. Die Erzeugung des Klangs ist aber seit jeher dieselbe: Durch Brechung von Wind wird Luft in Bewegung gesetzt, der sich in den Pfeifen ausbreitet und den Ton entfaltet. Dabei schenken große Pfeifen tiefe Töne und kurze Pfeifen die hellen Töne.
„Früher wurde alles von Hand gehobelt, heute verwenden wir nicht nur ausschließlich Holz, sondern auch andere Verbundstoffe für den Orgelbau“, erzählt Linke. Dabei gehe es weniger um das Gehäuse selbst, sondern die Art und Weise, wie er intoniere, also den Klang herstelle. Dies ist etwa abhängig von dem Material und seiner Dichte, der Bearbeitungsweise und der Kernspalte. „Daran muss man arbeiten. Das ist die wahre Kunst.“ Und die hat Stefan Linke in mehr als drei Jahrzehnten perfektioniert. Die Klangfarbe der Orgel ist je nach Orgelbauer individuell, die eigene Handschrift, ein Markenzeichen. Die UNESCO würdigt den Orgelbau und die Orgelmusik seit 2018 sogar als immaterielles Kulturerbe.

Schutzengel-Tipp

Ob Haftpflicht-, Unfall- oder Krankenversicherung: Bei der Provinzial sind nicht nur Gewerbetreibende, sondern ist jeder im Ernstfall optimal abgesichert. Erfahren Sie mehr über das Angebot. Übrigens ist die Provinzial auch immer in Ihrer Nähe und persönlich für Sie da.
  • Kloster Saarn-buehne

    Per Zufall die Leidenschaft entdeckt

Nach der Ausbildung zum Orgelbauer hat Stefan Linke in ganz Deutschland für unterschiedliche Orgelbauer gearbeitet. „Leider hat keiner der Betriebe bis heute überlebt“, bedauert der Münsteraner. „Eigentlich wollte ich Pfarrer werden.“ Zufällig sei er auf den Beruf des Orgelbauers gestoßen. „Jetzt bin ich öfter in der Kirche als jeder Pfarrer!“ Schließlich gehören nicht nur Neubauten, sondern auch Reparaturen und Restaurationen zum Angebot von Fleiter Orgelbau. „Es ist faszinierend, was andere vor hunderten von Jahren beherrscht haben“, sagt Linke. „Davor ziehe ich meinen Hut.“

Eine fortwährende Reise durch die Epochen

Zeitgleich gehört die Auseinandersetzung mit Traditionshandwerk, Geschichte und Musikepochen zu seinem beruflichen Alltag. Steht etwa die Restaurierung einer Orgel an, muss er sehr genau analysieren, wie das Instrument gebaut wurde, welche Klangfarbe es hat und was seinen Vorgänger beim Bau wohl geleitet hat. „Das ist jedes Mal faszinierend.“ Und trotz dieser Liebe und Leidenschaft für den Orgelbau, sei die Nachfrage im Handwerk „mau“. So mau, dass es nur noch „eine relevante Schule für Orgelbauer“ gebe, und zwar in Ludwigsburg. Aber auch da sei die Nachfrage bedenklich. Statt Trübsal zu blasen, konzentrieren sich Stefan Linke und Eberhard Hilse jedoch lieber auf das nächste Projekt und darauf, die Schätze der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu bewahren. In einem eigenen kleinen Orgelmuseum im Münsteraner Ortsteil Nienberg präsentieren sie unter anderem eine Orgel des Firmengründers Friedrich Fleiter sowie eine Wasserorgel und eine Wurlitzer-Kinoorgel aus dem Jahr 1924. Sein Beruf ist für Stefan Linke eben auch Berufung. „Wenn die Orgel dann nach all der Mühe und der Arbeit erklingt und den Raum von oben bis unten mit Klang erfüllt, dann haut es einen um.“
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Text: Meike Lücke
Quellenangabe Fotos: Lorenz Hamann, Andreas Gruhl, Orgelbauer Fleiter, AdobeStock

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