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    Lust auf Wandern

    Mathias Maretzky war 1.100 Meilen auf dem Pacific Crest Trail unterwegs.

Normalerweise beschäftigt sich Mathias Maretzky mit Versiche­rungen für Auto und Co. 2017 war er jedoch gemeinsam mit seiner Frau Tanja für drei Monate zu Fuß auf dem Pacific Crest Trail in den USA unterwegs.

Herausforderung Weitwandern

Mehrere Monate sind Tanja und Mathias auf dem Pacific Crest Trail unterwegs.
Auf knapp 4.300 Kilometern führt der Pacific Crest Trail (PCT) von der mexikanischen Grenze bis nach Kanada. Unterwegs atemberaubende Natur, überraschende Begegnungen und viele Herausforderungen für die rund 3.000 bis 4.000 Wanderer, die pro Jahr den gesamten Weg laufen wollen. „Wir waren schon immer gern draußen unterwegs und haben oft Tageswanderungen gemacht, auch während mehrerer Urlaube in den USA“, erzählt Mathias Maretzky. Ein Dia-Vortrag über den PCT weckte die Lust auf aufs Weitwandern. „Wir haben das dann erstmal in England auf dem South-West-Coast-Path ausprobiert. Mit 400 Kilometern in zwei Wochen war das eher eine Lightvariante, aber unter echten Bedingungen. Wir wollten wissen, wie es wirklich ist. Das Paar nahm Essen mit und verzichtete auch aufs tägliche Duschen. „Nach dem Test und Gesprächen mit anderer Wanderern, war klar: wir machen das einfach“, erinnert sich Mathias.

"Wer mehr als 500 Meilen auf dem PCT wandern möchte, muss dafür eine Erlaubnis beantragen, da der Weg auch durch verschiedene Nationalparks führt. Pro Tag dürfen 50 Weitwanderer starten." (Mathias Maretzky)

Gute Vorbereitung

Das Paar entschied sich für den Pacific Crest Trail entlang der nordamerikanischen Westküste. „Er ist abwechslungsreicher als sein berühmter Bruder der Appalachian Trail im Osten“, erklärt Mathias. Mit Wüste, Hochgebirge und Gegenden vulkanischen Ursprungs bietet der Weg sowohl landschaft­lich als auch klimatisch extreme Herausforderungen. Wer mehr als 500 Meilen auf dem PCT wandern möchte, muss dafür eine Erlaubnis beantragen, da der Weg auch durch verschiedene Nationalparks führt. Pro Tag dürfen 50 Weitwanderer starten. „Wann das Wetter für den Beginn der Wanderung wirklich günstig ist, muss man sehen, wenn man da ist. Der wichtigste Schritt war eigentlich der ins Flugzeug“, erinnert sich Mathias.

Auf seinen gut 4.300 Kilometern führt der PCT durch drei US-Bundesstaaten und zahlreiche Nationalparks.
Quelle: Adapted from https://web.archive.org/web/20060624223438/, http://www.fs.fed.us/pct/pdf/Large_PCT_Map.pdf

Von Mexiko nach Kanada

  • Es geht los: Der Startpunkt des PCT.

  • Atemberaubende Aussicht bei Los Angeles.

  • Mojave Wüste: karge Landschaft, extreme Temperaturen.

  • 40 Grad Celsius: Mittagspause unterm Yoshua-Tree.

  • Abenteuer Russian Wilderness.

  • In der Ferne erhebt sich Mount Sashta (4322 Meter).

"In der Mojave-Wüste sind wir nachts um 3 Uhr aufgestanden und mit Daunenjacke losgelaufen. Die Mittagspause haben wir bei 40 Grad im Schatten der Yoshua-Trees verbracht." (Mathias Maretzky)

Mitte April geht es los. Ihre ersten Tage verbringen sie bei Barney and Sandy Mann in San Diego. Als Trail Angels bietet das Ehepaar pro Tag rund 30 Gästen, die auf ihren Starttag warten, Unterkunft und Verpflegung. „Die beiden sind den Trail selbst gewandert und machen das jetzt völlig kostenlos. Sogar zum Einstiegspunkt haben sie uns und 20 andere Wanderer gebracht.“ Im Gepäck haben Tanja und Mathias nur das Nötigste, tragen ohne Essen rund 5,5 bzw. 7 Kilo auf ihren Rücken. Schwerere Ausrüstung, wie den auf einigen späteren Wegabschnitten vorgeschriebenen Bärenkanister, haben sie vorausgeschickt. Einige der Wanderer treffen die beiden immer wieder, je nachdem, ob die Geh-Geschwindigkeiten passen. „Zuerst dachten wir, wir hätten keine Lust auf Kontakt zu anderen, aber es entstanden dann doch eine Art Vertrautheit und Gespräche“, berichtet Mathias. Bis Meile 700 verfliegt die Wanderung wie im Rausch. Selbst als diese durch die Mojave-Wüste führt. „Wir sind nachts um 3 Uhr aufgestanden und mit Daunenjacke losgelaufen. Die Mittagspause haben wir bei 40 Grad im Schatten der Yoshua-Trees verbracht“, erzählt Mathias.

Mit der Eisaxt durchs Gebirge

  • Anstieg zum Forrester Pass auf 4.009 Metern.

  • Nur ein schmaler Pfad führt über das steile Schneefeld. Die Eisaxt ist Pflicht.

  • Durchatmen. Der höchste Punkt des PCT ist geschafft.

"So gigantisch die Landschaft und die Aussichten, so anstrengend war die Wanderung." (Mathias Maretzky)

Mitte Juni erreichten sie das Hochgebirge Sierra Nevada. Noch immer lag dort viel Schnee. „Der Winter hielt in dieser Saison ungewöhnlich lange. Für Snowboarder und zum Skifahren wäre das toll gewesen“, erzählt er, „als Wanderer gehst du dort nur als Gruppe rein. Wir waren zu zehnt mit Israelis, Polen, Franzosen und anderen Deutschen.“ So gigantisch die Landschaft und die Aussichten, so anstrengend war die Wanderung. „Wir mussten uns sehr konzentrieren. Die Wege waren nicht zu erkennen. Vor allem entlang der Hänge war es schwierig“, erklärt Mathias. Sie durchqueren hüfthohe Schneewehen, aber auch Flüsse, in denen in dieser Saison zwei Wanderer ertranken. Nachmittags wird der Schnee sülzig und macht das Gehen noch schwerer. Stress. Dennoch gelingt der Gruppe die Überquerung des Forrester Passes, mit 4.009 Metern der höchste Punkt des PCT, und wird mit Glücksgefühlen belohnt. „Der Pass sieht nicht nur gefährlich aus. Die Eisaxt war keine Deko, wir brauchten immer drei Punkte am Boden“, erinnert sich Mathias. Nach sieben Tagen, in denen die Gruppe nur 90 Meilen (ca. 145 km) schafft, entscheiden sich die Wanderer, aus dem Trail auszusteigen. „Dafür mussten wir aber trotzdem noch aus dem Gebiet rauswandern und den Kersage-Pass mit zirka 3.500 Metern überwinden“, erklärt Mathias.

Wanderer willkommen

Entlang des Weges überraschen so genannte Trail Angels die Wanderer immer wieder mit Getränken und Essen.

Tanja und Mathias fahren nach Bishop und spannen ein paar Tage aus. Weiter nördlich wollen sie wieder in den Trail einsteigen. Zwei ehemalige Wanderer, die vor 40 Jahren selbst auf dem PCT unterwegs waren, nehmen sie mit bis nach Reno. Mit dem Bus geht es weiter nach Chester und von dort mit der Highway Patrol die letzten Meilen bis zum Einstiegspunkt. „Wir wollten von den Polizisten natürlich ein Foto machen“, erzählt Mathias, „die kannten das schon und meinten lachend, das machen wir, wenn wir da sind.“ Währen der gesamten Wanderung treffen sie immer wieder auf Trail Angels, die den Weg in Stand halten, für die Wanderer grillen oder gekühlte Getränke verteilen. Das Vorurteil, Amerikaner seien oberflächlich, hat sich für die beiden Wanderer nicht bestätigt: „Sie waren immer sehr freundlich und hilfsbereit. In den Orten entlang des Wanderwegs standen Schilder ‚PCT-Wanderer willkommen‘ und wir konnten uns immer auf die angebotene Hilfe verlassen.“

"Wir waren in Ashland und haben von dort einen Ausflug zu Küste gemacht. Das war wirklich wie Urlaub." (Mathias Maretzky)

Plötzlich vorbei

Kopf hoch: Ihre Zwangspause nutzen Tanja und Mathias für einen Ausflug an die Küste von Oregon.

Der Weg führt nun durch den Lassen-Vulcano-Nationalpark. Tanja und Mathias gönnen sich einen Stopp auf der Drakesbad Ranch: „Dort gab es einen Pool aus den heißen Quellen und wer wollte konnte mit echtem Besteck von Porzellantellern essen. Das Drei-Gänge-Menü war sehr lecker.“ Nach ihrer Pause in der Zivilisation merken die beiden schnell, die Luft ist irgendwie raus. Trail-Burn-Out nennt Vlad, ein Wanderer aus Brasilien, das Phänomen. Als Tanja von einer Spinne gebissen wird und auch Mathias Füße weh tun, nehmen sie sich eine Woche Auszeit. „Wir waren in Ashland und haben von dort einen Ausflug zu Küste gemacht. Das war wirklich wie Urlaub.“ Zurück auf dem Trail, ist die Euphorie wieder da. Es geht durch wunderschöne Vulkanberge mit schneebedeckten Spitzen. Wieder hochmotiviert, wären sie wohl bis zum Endpunkt durchgewandert. Es kommt anders. Auf einem Schneefeld stürzt Tanja und rutscht 20 bis 30 Meter den Hang hinunter, bis ein Baum sie aufhält. „Ein schrecklicher Moment, an den ich nicht gern denke“, erzählt Mathias. Tanjas Fuß schmerzt zu sehr. Sie müssen den Trail verlassen. Die zwei Meilen bis zur Straße sind hart. Dort werden sie von Jaclyn bis nach Etna mitgenommen. Sie lädt die beiden ein, in ihrem Motel zu übernachten und leiht ihnen auch ihr Auto, um zum Arzt zu kommen. Dessen Empfehlung, das Bein zu kühlen und zu schonen zeigt auch nach Tagen keine Besserung. „Da war klar, wir unterbrechen. Wir fahren nach Hause, kurieren alles aus, waschen unsere Wäsche, und danach geht es zurück auf den Trail“, erzählt Mathias.

Die kleinen Dinge zählen

Der Weg ist das Ziel: Tanja und Mathias wollen zurück auf den PCT und weiter Richtung Kanada. Ein Highlight: Der Crater Lake in Oregon. Foto: Jim Austin

Zwei Monate früher als geplant sind die beiden wieder zuhause. Das MRT in Deutschland zeigte einen doppelten Bruch im Knöchel. Die Heilung braucht Zeit. Ihren Rhythmus vom Wandern behalten sie bei, genießen das einfache Leben ohne Zwänge. Ein Gedanke aber bleibt: „Durch das abrupte Ende hatten wir keine Zeit, uns vom Trail zu verabschieden. Ich glaube, die letzten Meilen würde man sonst anders, bewusster gehen. Wenn möglich wollen wir noch einmal zurück, um den Rest zu wandern.“ Der Endpunkt in Kanada ist dabei jedoch nicht das wichtigste Ziel. Die beiden wollen einfach sehen, wie weit sie es schaffen, und wenn es bis nach Kanada geht, wäre das natürlich schön. Mathias ist durch die Erfahrungen und Erlebnisse dieser Wanderung gelassener geworden: „Ich habe zwar keine große Frage mit auf den Trail genommen, aber der Weg macht was mit einem. Ich habe erlebt, dass die Welt und die Menschen da draußen gut sind. Kleine Dinge, wie ein Dankeschön oder anderen zu helfen, auch wenn man gerade selbst nicht viel hat, sind toll.“ Ihre Erfahrungen geben die beiden auch in Vorträgen weiter. „Das ist noch mal eine ganz andere Herausforderung“, schmunzelt Mathias, „aber das Feedback war gut.“ Wer Interesse an einem spannenden Vortrag über eine atemberaubende Reise hat, kann sich gerne bei Mathias melden. Seine Botschaft: Geht wandern.
Text: Beatrix Richter
Quellenangabe Fotos: Mathias Maretzky
Quellenangabe Bühnebild oben: Chris Sanderson - www.pcta.org

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